Daniel Schinzig

Liebingstexte 2018: Daniel schrieb „Der Abgrund“

Wieder ein Jahr mit den 4writern ist um! 2018 war für die Lesebühne aus Unna ein sehr abwechslungsreiches Jahr! Wir erlebten beeindruckende Gästen bei unseren Hauslesen in der Jugendkunstschule in Unna. Auch haben wir in Bergkamen-Rünthe das maritime Thema für uns entdeckt und waren mit der Hafenlese im Liquid-Liberty zu Gast.

In drei Wochen, am 15. Februar, starten wir ins neue Jahr. Bis dahin erscheint hier jede Woche ein Lieblingstext aus dem Jahr 2018. Der zweite ist von Daniel Schinzig, vorgetragen im März 2018 zum Thema „Am seidenen Faden“.

Der Abgrund

Hängen. Rumhängen. Abhängen. Ja, das mache ich eigentlich gerne. Aber für gewöhnlich stelle ich mir da etwas anderes drunter vor, als das, was gerade mit mir geschieht. Ich hänge nämlich im wahrsten Sinne des Wortes ab. Oder auch herum. Unter mir ein überdimensional großes schwarzes Loch. Ein Tor ins scheinbare Nichts. Ein endloser Strudel in den Wahnsinn der Dunkelheit. Ich höre Stimmen, die gleichzeitig nach mir schreien und flüstern. Unerträglich leise und unerträglich laut.

Ich bin gezwungen, hinzuschauen. Wer auch immer mich hier befestigt hat, hat es so getan, dass mein Blick permanent in den Schlund der pulsierenden Oberfläche des schwarzen Lochs gerichtet ist. Immerhin liegen noch gute 10 Meter zwischen mir und dem Verderben. Verderben? Ja, das ist ein guter Name für das Loch. Ich nenne es ab jetzt einfach Verderben.

„Ein guter Name“, ertönt da plötzlich eine nervig krächzende Stimme. Sie klingt nach meiner Stimme, wie ich sie selbst höre, wenn ich spreche, bearbeitet mit einer kostenlosen Stimmverzerrer-App fürs Smartphone. Sie klingt gar nicht wie meine Stimme. Vertraut. Unvertraut. Unheimlich.

„Ein wirklich guter Name. Für meinen Geschmack vielleicht etwas zu … wie sagt man… platt? Aber doch, durchaus passend.“
„Wer sagt das?“, frage ich laut. Meine Stimme hallt unwirklich durch den Raum. Ist das überhaupt ein Raum? Ich schaue mich um. Endlose Weite zu allen Seiten hin. Ich fühle mich nur noch gefangener dadurch.
„Ach, immer diese Fragen nach den Charakteren“, antwortet mir die krächzende Stimme da. Wo genau ihr Ursprung liegt, kann ich nicht verorten. Es ist, als ertöne sie von allen Seiten gleichzeitig.
„Seien wir ehrlich: Du interessierst dich viel eher dafür, wo du gerade bist, oder? Wie es sein kann, dass du gerade noch in deinem warmen Bett gelegen hast und nun über diesem pulsierenden schwarzen Loch hängst? Und überhaupt: Was ist das überhaupt für ein pulsierendes schwarzes Loch unter dir?“

„Würdest du es mir denn verraten?“ Ich versuche, cool und sarkastisch zu klingen, fühle mich aber wie ein durchnässter Hund, der hilflos von der Decke hängt. Und eigentlich bin ich auch genau das. Irgendwie zwar Mensch, aber irgendwie auch Hund. Denn was nützt mir das Menschsein, wenn ich doch so hilflos ausgeliefert bin?
„Nein“, erfüllt die Stimme meine Erwartungshaltung.
„Es reicht folgende Information.“ Kunstpause. Theatralik. Was ein sich selbst inszenierendes Arschloch, denke ich. Nur, dass das Arschloch gar keinen Arsch hat, denn es entpuppt sich als in der Luft schwebendes rot leuchtendes Augenpaar.

„Pass auf, wen du als Arschloch bezeichnest“, sagt das Augenpaar belustigt. „Du weißt nie, mit welcher Art Augen du es zu tun bekommst.“
„Du kannst also meine Gedanken lesen“, schlussfolgere ich, mein Ton noch immer nicht so sarkastisch trotzig, wie ich es gerne hätte. „Wow. Wenigstens etwas, wo dir doch so ziemlich alle anderen Sinnesorgane fehlen, Augapfel.“ Ha, endlich finde ich meine unterkühlt desinteressierte Art wieder. Man soll nie seinen Humor verlieren, auch wenn man über einem alles verschlingenden schwarzen Loch hängt.
„Deine Sprüche sind nur halb so souverän, wenn man deine Gedanken hören kann“, amüsiert sich das rote Augenpaar. Mist. Da hatte es recht.

„Anfängerfehler“, entgegne ich.
„Aber nun Tacheles“, werden die Augen ernst. Ich schwöre, sie verengen sich auch. „Du steckst in großen Schwierigkeiten, mein Lieber.“
„Ach nö“, stößt es aus mir heraus. „Und ich dachte, auf diese Weise aufzuwachen, wäre ein neuer Wellnesstrend.“

Das Augenpaar übergeht meine Bemerkung einfach. „Das ist ein sehr schwacher Faden, an dem du da hängst. Bei manchen Menschen ist er stabiler. Bei einigen auch dünner. Ich bin mir noch nicht sicher, ob deiner
ausreicht.“
„Ausreicht für was?“
„Um zu überleben.“ Ja, zugegeben. Jetzt wird mir doch etwas mulmig. Ich schaue nach oben. Das ist aus meiner aktuellen Hängposition nicht ganz einfach, aber es geht. Zwar unter nicht zu verachtenden Nackenschmerzen, aber das sollte mir gerade nicht die größten Sorgen bereiten. Erst jetzt fällt mir
auf, dass der Faden anders wirkt. Anders. Ein besseres Wort fällt mir nicht ein. Vielleicht noch unwirklich. Verträumt. Hoffnungsvoll. Leuchtend. Aber so richtig passend ist das alles nicht. Also: Anders. Und: Es scheint endlos weit nach oben zu führen.

„Schöner Faden, oder?“ Die Bewunderung der Augen wirkt echt.
„Er setzt sich zusammen aus all den schönen Momenten deines bisherigen Lebens. Bzw. aus den Erinnerungen an diese.“ Die Augen machen eine Pause. Dann, mehr zu sich selbst als zu mir, fügen sie hinzu: „Schon erstaunlich. Alles, was dich vor dem Absturz in ein düsteres, schwarzes Loch bewahrt sind deine Erinnerungen an schöne Momente. Eventuell noch vermischt mit kleinen Stofffetzen Wünsche, Hoffnungen und Träume.“

Eine riesige Schere erscheint neben dem Faden. „Wollen wir mal sehen, ob das in deinem Fall reicht.“ Ich höre die Schere zuschnappen, spüre eine kleine Erschütterung, ein klein wenig sacke ich ab. Aber: Ich falle nicht.
„Ich hatte mal jemandem, der schon nach einem Schnitt abgestürzt ist“, lassen mich die Augen wissen. „Das war bedauerlich. Ein bisschen muss es ja auch Spaß machen, Existenzen zu zerstören. Zu schnell darf das nicht gehen. Schmerz und Leid sind zu schöne Empfindungen, als dass sie zu voreilig beendet werden sollten.“
Auch wenn es mir unmöglich erscheint, versuche ich das Loch unter mir aus meinem Kopf zu verbannen. Ich schließe die Augen, versuche an all jene Sachen zu denken, die mir einst Freude bereitet haben. Das tolle Date mit meiner bildhübschen Nachbarin. Die Beförderung. Komplimente. Erfolge. Umarmungen. Liebe. Und tatsächlich: Als ich meine Augen wieder öffne, habe ich das Gefühl, ein klein wenig nach oben gezogen worden zu sein. Doch da – schnapp – schneidet die Schere wieder zu und ich sacke erneut ab.

„Hach, wir werden eine schöne Zeit miteinander haben“, sagen die roten Augen, aus denen mittlerweile Bluttropfen hervortreten. Und mir wird klar: Ich werde noch eine lange Zeit hier verbringen. Es wird ein langer Kampf werden. Doch ich verspreche mir: Ich werde es bis nach ganz oben schaffen. Egal, wie unwirklich weit das weg zu sein scheint.

Und das Loch da unten: Da kann mich mal!

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