Oliver Hübner

Lieblingstexte 2018: Oli schrieb „Ich weiß, es ist nicht easy. (Abi 88) – ein Dialog“

Wieder ein Jahr mit den 4writern ist um! 2018 war für die Lesebühne aus Unna ein sehr abwechslungsreiches Jahr! Wir erlebten beeindruckende Gästen bei unseren Hauslesen in der Jugendkunstschule in Unna. Auch haben wir in Bergkamen-Rünthe das maritime Thema für uns entdeckt und waren mit der Hafenlese im Liquid-Liberty zu Gast.

In zwei Wochen, am 15. Februar, starten wir ins neue Jahr. Bis dahin erscheint hier jede Woche ein Lieblingstext aus dem Jahr 2018. Der dritte ist von Oliver Hübner, vorgetragen im Juni 2018 zum Thema „Reifeprüfung“.

Ich weiß, es ist nicht easy. (Abi 88) – ein Dialog

Es ist Freitagnachmittag, an einem Sommertag, 1988. Schülerinnen und Schüler kommen aus einem großen Schulgebäude in Unna. Darunter ein junger Mann, Oli H. Auf dem Weg zu seinem Fahrrad. Er mag zwei-drei Gläser Sekt getrunken haben. Ein Herr mittleren Alters nähert sich ihm.

Es beginnt folgender Dialog:

He, wart mal. Du bist Oli oder?

Äh, ja.

Kommst Du gerade aus der Schule? Abizeugnisse?

Ja, wieso fragen Sie?

Das ist kompliziert. Aber sagen wir mal so: ich kenne Dich gut und es ist mir wichtig, dass Du jetzt gute Entscheidungen triffst.

Wat, Entscheidungen?

Na, so das Große und Ganze. Was Du anfangen willst mit Deinem Leben. Was Du mal arbeiten willst, in was Du Deine Zeit und Kraft und Leidenschaft investierst, mit was für Leuten Du Dich abgibst. Sowas.

Arbeiten? Hast Du gerade gesagt arbeiten? Bis Du auch so einer mit so klugen Sprüchen?

Na, ja, äh, vielleicht. Aber erzähl erstmal. Wie geht‘s Dir? Wo willst Du hin?

Na, erst mal studieren, oder? Arbeiten kann ich ja mit 30 noch, wenn ich dann nicht schon tot bin.

Studieren klingt gut. Und pass auf: 30 wirst Du ganz schnell. Tot bist Du dann sehr wahrscheinlich nicht. Also lohnt es sich, darüber nachzudenken. Und wenn Du studierst, schlägst Du ja schon einen Weg ein.

Also doch Sprüche, ey, Mann, die hab ich genug. Was bist Du denn für Einen, bist Du Lehrer?

Wie gesagt, es ist kompliziert.

Hm, eigentlich wollte ich ja Physik studieren, in Berlin. Aber hab doch nicht so Bock drauf. Mit Physik kannße nachher nur inna Rüstungsindustrie arbeiten oder im Kernkraftwerk. Und Berlin ist voll und stinkt und ich will irgendwie mehr Grün.

Oh, Zweifel. Nicht einfach. Weshalb wolltest Du denn mal Physik studieren?

Hm, na, weiß nich. Weil ich‘s kann und weil’s Spaß macht, was zu verstehen und weil man damit sogar die Einser-Latein-Mädels beeindrucken kann.

Okay. Und warum machst Du‘s nicht?

Weiß nicht. Will was Sinnvolles machen, Umwelt und so. Welt retten. Eben nicht Kernkraft. Da wirße doch schnell ideologisch versifft. Infiziert vom System, und so! Und erst mal will ich auch wegfahren. Noch was erleben. Mittem Fahrrad! Bis Indien oder so!

Indien? Okay, warum nicht, das klingt spannend. Also weißt Du gar nicht so genau, was Du willst?

Na doch, erst die Fahrradtour, dann Studieren.

Was kannst Du denn noch gut, außer Physik?

Na, ich interessiere mich für Umweltschutz, vielleicht kann ich mal Aktivist werden?

Klar, aber ich meine, was kannst Du gut und was machst Du auch gerne?

Hm. Ich hab für die Schülerzeitung geschrieben …

Ah, interessant!

… sogar schon mal für die Zeitung. Und mein Deutschlehrer lobt mich immer für kreative Aufsätze.

Okay, klingt cool. Sagt man bei Euch cool?

Cool kenne ich nicht. Wat sind Sie denn für einer? Wenn was klasse ist, ist es geil! Kennse das nicht? Boris is geil …?

Äh, …. ja, genau. Hast Du schon mal überlegt, das zu machen?

Was? Deutsch studieren? Germanistik? In überfüllten Hörsälen rumhocken und Klassiker lesen? Ach ne!!! Dat machen doch alle, die nich wissen, was se machen wollen.

Ja, vielleicht. Es muss ja auch nicht Germanistik sein. Zeitung hast Du gesagt?

Ja, einmal, zweimal oder so. Über nen Auftritt im Theater von einer Gesangscombo von der Jugendkunstschule.

Stimmt, ich erinnere mich ..

Was??

Schon gut. Und wär das nichts als Beruf?

Ach, ich hab echt kein Bock auf so Lehrertipps, Mann, ich studiere doch, weil ich studieren will und nicht weil ich hinterher Professor oder Zeitungsfuzzi sein will.

Okay. … Meinst Du Du siehst das später vielleicht mal anders?

Kann sein, egal, weiß nicht.

Also, wenn Du in Berlin bist, nach Deiner großen Reise, dann später vielleicht mal: überleg Dir für Dein Studienfach, was Dir wirklich wichtig ist und wofür Du Dich mit Leidenschaft begeisterst. Okay? Und für wen Du Deine Entscheidung triffst, für Dich oder dafür, irgendwen zu beeindrucken, der Dir gar nicht wichtig ist.

Okay. Aber …

Und versprich mir noch eins: umgib Dich mit kreativen Menschen, okay? Ich glaube, da liegt Dein Potential, Du bist kein Nerd, oder so. Schau, wer Dir gut tut und wer nicht! Entscheide das mit Vernunft, aber vor allem mit dem Herzen! Da wo Du Dich mit dem Herzen entscheidest, da hast Du … , also ahm, da triffst Du gute Entscheidungen.

Hä? Klar, aber, aber was? Und wieso, wer sind Sie denn jetzt, verdammt?

Wie gesagt, kompliziert!

Und wieso interessiert Sie das?

Äh, ja, kompliziert. Schau mich doch mal an!

Ach Kacke, sind Sie irgendso‘ n verlorener Onkel, oder was? Im Krieg verschollen und nu wieder da?

Kompliziert … Versprich mir allem: bleib beim Schreiben! Das liegt Dir. Hast Du schon mal von Poetry Slam gehört?

Poetry was?

Slam, das ist so ein Dichterwettstreit. Wenn Dir das mal begegnet, geh da unbedingt hin. Hör es Dir an und schau mal, ob sowas was für Dich ist. Du spielst Theater oder?

Ja, Improtheater an der Jugendkunstschule. Das ist aber blöd, da hab ich kein Talent. Äh, woher …. ?

Red Dir das nicht ein. Ich glaube Du hast bloß noch nicht den richtigen Lehrer gefunden …

Echt? Wieso …. ?

Ich kenne Dich schon etwas, glaube mir …

Also Improtheater und dieses Poetry Dings?

Slam. Ja, unbedingt. Es gibt auch Lesebühnen, das ist wie Poetry Slam, nur besser, weil es ohne einen Wettbewerb ist …

Wettbewerb? Bei Gedichten? Echt jetzt? Sie erzählen Mist, sowas gibt‘s nicht!

Vielleicht. Aber schau Dich in Berlin um und schau, womit Du etwas anfangen kannst. Je früher desto besser!

Okay, wenn Sie meinen! …. noch paar Tipps?

Klar: Physik ist okay, als Studienfach. Danach muss man aber nicht zwangsläufig promovieren. Man kann danach zum Beispiel auch ein Volontariat bei einer Zeitung machen. Oder Radio, dann hast Du das Fachliche und das Journalistische.
Und: Geh nicht immer den einfachsten Weg! Überleg, welche Optionen Du hast. Manchmal sind die Alternativen der Mühe wert! Was Du mit Mühe erreichst, hat auch eine größeren Wert!

Ey hör auf mit die Sprüche, sie sind schon wie Vatter, ey!

Wie auch immer.

So, ich muss jetzt weiter, treffe mich noch mit den Jungs inne Stadt, später Abifeier in HoWi!

HoWi? Ach so, ja klar. Okay … machs gut! Pass auf Dich auf, okay. Auch wenn Du es nicht gleich merkst, die meisten Menschen finden Dich echt okay! Du musst nicht zu so vielen Menschen aufblicken, die kochen auch nur mit Wasser. Und immer auf das Herz hören! Wenn es sich scheiße anfühlt, ist es auch scheiße! Das gilt auch für Beziehungen, also für manche, das merkst Du aber …

Äh, schon gut, danke und tschüß!

Warte, warte, wenn der BVB mal ins Championsleaguefinale kommt, geh dann nicht in diese doofe Kellerbar, die ist doch immer voll! Geh gleich in den Irishpub in der Friedrichstraße, und vor allem sei rechtzeitig da! Das lohnt sich! Kennst Du den Irish Pub? Friedrichstraße Ecke Oranienburger …

Jetzt spinnst Du, oder? BVB, Championsleague, was soll die Kacke? Und Friedrichstraße ist doch DDR! Da gibt‘s keinen Irish Pub! Das wird mir jetzt zu blöd, ey, bin weg, tschö!

Egal, merk es Dir trotzdem mal, allein so hypothetisch!
Und wo wir beim Thema sind: mache unbedingt eine Reise in die DDR sobald Du kannst, und nicht nur nach Ostberlin, zum Beispiel auch nach Leipzig und Schwerin. Lern unbedingt Niederländisch und mach dort ein Auslandsjahr, es gibt da so Austauschprogramme. Die sind klasse! Und glaube mir: Du hast mehr von so einem Austauschjahr, wenn Du Dich vorher von Deiner Freundin trennst und nicht erst, wenn Du gerade zurückkommen willst! Und es wird nicht alles einfach, pass trotzdem auf Dich auf und entscheide mit dem Herzen!
Hörst Du, mit dem Herzen! Und: Du kannst nicht alle retten! Wenn Dich wer ausnutzt, sag auch mal ‚tschüß‘! Und Chemie als Nebenfach zu Physik ist blöd! Philosophie auch, nimm lieber Germanistik oder eins von diesen Kommunikationsfächern, wenn es das schon gibt! Und die Kanadierin in Nürnberg in der Jugendherberge, der Typ, der ist ihr Bruder und nicht ihr Freund! Und pass auf, dass Du nicht über 72 Kilogramm wiegst, das ist schnell drauf und Du bekommst es nur mit Mühe wieder runter! Und vor allem: kaufe Apple-Aktien, kaufe ganz viele Apple-Aktien, ganz, ganz ….. viele!

Ach, ich hätte mir noch so viel zu sagen, doch ich glaube, ich habe es nicht mehr gehört schade, schade. Aber hey, ich mache das schon!

Alternatives Ende für Daniel: der Herr mittleren Alters ging in eine blaue Box, vielleicht eine Telefonzelle, und wurde darauf in dieser Stadt für lange, lange Zeit nicht mehr gesehen.

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