Sabine Miermeister

Lieblingstexte 2018: Sabine schrieb „Die Bahn-Reifeprüfung“

Wieder ein Jahr mit den 4writern ist um! 2018 war für die Lesebühne aus Unna ein sehr abwechslungsreiches Jahr! Wir erlebten beeindruckende Gästen bei unseren Hauslesen in der Jugendkunstschule in Unna. Auch haben wir in Bergkamen-Rünthe das maritime Thema für uns entdeckt und waren mit der Hafenlese im Liquid-Liberty zu Gast.

In vier Wochen, am 15. Februar, starten wir ins neue Jahr. Bis dahin erscheint hier jede Woche ein Lieblingstext aus dem Jahr 2018. Der erste ist von Sabine Miermeister, vorgetragen im Juni 2018 zum Thema „Reifeprüfung“.

Die Bahn-Reifeprüfung

Seit Anfang des Jahres besitze ich ein neues Fahrrad, ohne Motor übrigens.
Grund genug auch mal längere Radtouren zu planen. Um aber nicht gleich überfordernd lange
Strecken zu radeln, sondern vor allem landschaftlich schöne, wollte ich die Möglichkeit der
„Fahrradmitnahme“ der Deutschen Bahn AG nutzen.
Am 1. Mai verabredete ich mich mit meiner Freundin und Radtour-Expertin Barbara, den Ruhr-
Radweg zwischen Witten und Hattingen zu erkunden. Das ist eine wunderschöne Strecke entlang
alter Wiesen an der Ruhr mit ihren Badeinseln, dem Kemnader See mit Einkehrmöglichkeiten und
einem kleinen Fährabstecher zu einer Burgruine am Zechenwanderweg. Klang super, war es im
Nachhinein auch, wenn ich von den Hürden der Bahnbeförderung absehe. Ich wohne nämlich 40
km von Witten entfernt auf dem Land. Und daher erwarteten mich verschiedene Aufgaben:

1. Bahnreifeprüfung

Im Fahrkartenautomat in Unna-Königsborn findet sich ausgesprochen schnell das NRW-Fahrrad-
Tagesticket für verhältnismäßig günstige 5,50 Euro. Das muss einzeln gebucht werden. 5,50 Euro in
Münzen in den Automaten und zack. Das war einfach.
Das Personenticket nach Witten hingegen ist ungleich teurer. Egal.
Aber warum nimmt der Automat jetzt keine Scheine von mir an?
Gut, dass ich dafür gewappnet bin und vorsichtshalber den Münzinhalt meines Sparschweins dabei
habe. – Mist, jetzt fehlen 30 Cent und der Zug steht schon am Gleis!
Ein Ehepaar, das hinter mir geduldig wartet, bietet mir seine Hilfe an. Meinen 10 Euro-Schein
können sie nicht wechseln, aber 30 Cent schenken sie mir einfach. Wie nett!
Nachdem neben Eurostücken nun auch alle Centmünzen – zugegebenermaßen schon in gewisser
Hektik – zum Ticket-Erhalt geführt haben, erreiche ich gerade noch die S4 nach Dortmund.
Der Zug ist geräumig und hat an diversen Stellen Abstellmöglichkeiten für Fahrräder.
Ich bin erleichtert.

2. Bahnreifeprüfung

In Dortmund muss ich vom Stadthaus zum Hauptbahnhof gelangen.
Ich suche nach einer Möglichkeit, das Rad von den Gleisen bis zur Straße zu bringen. Und siehe da:
es gibt Fahrstühle für diese Zwecke, wenn auch recht eng dimensionierte. Das Rad passt diagonal
mit ein wenig Tricksen rein. Ein zweites nicht.

3. Bahnreifeprüfung

Die U-Bahnverbindung zum Hauptbahnhof spare ich mir. Das schaffe ich auch in 10 Minuten per
Rad.
Am Hauptbahnhof radelnd angekommen muss ich die S5 nehmen. Auch hier vermute ich einen
Aufzug, da die Treppen zu den Gleisen keine Seitenrampe zum Schieben von Rädern, Rollstühlen
oder Kinderwagen besitzen. Aber oh Schreck: gerade der Fahrstuhl zu Gleis 5 ist gesperrt.
Also über die Treppe. Ganz schön steil. Ein junger Mann fragt, ob er mir das Rad hoch tragen darf.
Verblüfftes Dankeschön.
Zum Erreichen der S5 bin ich jetzt noch früh genug, um einen Platz für mein Rad zu finden.
Kurz vor Abfahrt der Bahn stehen schon 3 Räder in dem Einstiegsbereich, aber es ist noch genug
Platz zum Ein- und Aussteigen. Alles gut.-

4. Bahnreifeprüfung

Nach der schönen 20 Kilometer langen Tour von Witten bis Hattingen erklärt mir meine Radprofi-
Freundin, die mit mir ab Witten geradelt ist, wir müssten jetzt die S308 bis Bochum Hauptbahnhof
nehmen. Eine andere Zugverbindung gebe ich von dort aus nicht. Okay.-
Die S308 fährt einmal die Stunde und ist – eher eine Straßenbahn!
Ich frage vorsichtshalber den Schaffner, ob auch für diesen Zug eine – wie ausgeschrieben –
„begrenzte Fahrradmitnahme“ vorgesehen ist und wenn, dann wo am besten?
Er antwortet leicht grinsend: „Versuchen Sie es.“ Und so steigen wir in das letzte Abteil ein und
suchen uns einen Platz in Tür Nähe. Schließlich sollen unsere beiden Räder nicht allzu große
Behinderungen für die anderen Mitreisenden darstellen.
Das ist aber nicht so leicht, denn im Gegensatz zu den S-Bahnen ist hier eigentlich kein Raum für
Fahrräder vorgesehen. Übrigens auch nicht für Kinderwagen oder Rollatoren.
Besonders interessant wird es, als noch eine alte Dame mit eben diesem Hilfsmittel in den letzten
Waggon steigt und ihr „Fahrzeug“ an unseren Rädern schimpfend vorbeibugsiert.
Bis Bochum-Hauptbahnhof ist dieser Zug sehr beliebt. Weitere Radfahrer, Kinder mit Rollern und
Menschen mit Kinderwagen fahren mit und erdulden die Platznot.
Während ich den Ausstieg in Bochum ersehne, frage ich mich: Wieso sind Verkehrsmittel mit
begrenzter Fahrradmitnahme-Möglichkeit gegen Extra-Ticket räumlich so begrenzt?

5. Bahnreifeprüfung

Vom Gleis der S308 im Hauptbahnhof gelingt es uns, einen funktionstüchtigen Fahrstuhl zu finden,
in dem wir in zwei Fahrten auch beide Fahrräder nach oben befördert kriegen, immerhin mit
Begleitperson, also Fahrer. Der Weg zum nächsten Zug nach Dortmund ist allerdings wiederum stufenreich. Der Fahrstuhl zum entsprechenden Gleis ist zwar nicht als defekt ausgewiesen, reagiert
aber auch nach vielmaligem Drücken nicht.
Also hochschleppen. Mein neues Rad ist aus Aluminium. Zum Glück kein schweres E-Bike.
Na, mit dem wäre ich vermutlich auch eher die komplette Strecke zurückgefahren. Das hatte uns die
Rollator-Dame in der S308 ja ohnehin nahegelegt.
Apropos Fahren: der Zug ist jetzt gerade vor uns abgefahren. Der Weg zwischen den Bahnen war
doch zu hürdenreich für zwei Radfahrer.
Wir erholen uns eine halbe Stunde lang vom Rad-Lifting im Abendsonnenschein auf dem
Bahnsteig.

6. Bahnreifeprüfung

Durch das Verpassen des Zuges ergibt sich nun die ungeahnte Möglichkeit, die S1 zu nehmen, die
zwar länger bis Dortmund braucht, aber dafür ausreichend Platz für Fahrräder bietet und mir am
Knotenpunkt Dorstfeld den Umstieg in die S4 nach Unna in Aussicht stellt. Das sehe ich auf dem
Linienplan im Zug und bin begeistert von diesem mir verständlichen Aushang.
In Dorstfeld muss ich nun nur noch das Rückfahrticket ziehen. Genug Kleingeld dafür hatte ich
vorsichtshalber im Laufe des Tages organisiert.
Blöderweise gibt mir der Automat bei der Fahrzieleingabe Unna mehrfach zu verstehen, dass diese
Strecke von hier aus nicht buchbar ist. Wieso das nicht?
Mir steht schon wieder der Schweiß auf der Stirn. Zum Glück kommt mir eine Studentin entgegen,
die ich beherzt anspreche.
Ich muss inzwischen einen so mitleidserregenden Eindruck machen, dass sie unter Nutzung ihres
Insiderwissens einen Alternativstreckencode in den Automaten eingibt und mir damit das Ticket
beschafft.
Ich atme auf, besteige den letzten Zug mit meinem neuen Begleitfahrzeug und bin sicher, dass ich
den Bahn-Ausflug nicht ohne die Hilfe der netten Zugprofis geschafft hätte.

Ergebnis

Bahnfahren mit Fahrrädern ist eine Herausforderung in Deutschland, da die Infrastruktur der Bahn
dafür nur begrenzt ausgereift ist. Definitiv die Note „Mangelhaft“ für die Bahn.
Es braucht das Kollektiv leidgeprüfter Kunden, um durch soziale Kontakte mit versierten und
freundlichen Mitreisenden zeitnah sein Ziel zu erreichen.
Eine klare „Eins“ für meine Helfer. Dankeschön.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.